Kleine Kriege im Großraumbüro
Die lautlosen Spannungen am Schreibtisch nebenan sind oft die gefährlichsten. Anna lernt mit Gustav, wie man Mikro-Konflikte erkennt, bevor sie Makro-Schäden verursachen.
Disclaimer: Die heutige Ausgabe ist inspiriert von dem Buch “Leben ohne Angst“ von Dietrich Grönemeyer. Dieses Buch und weitere Buchempfehlungen findet ihr auf meiner Seite für Buchempfehlungen. Viel Spaß mit der heutigen Ausgabe!
„Gustav, ich weiß nicht, ob ich lachen oder kotzen soll.“
Der kleine Säbelzahntiger blinzelte Anna an. Sie stand mitten im Büro, das Handy in der einen, einen Kugelschreiber wie einen Degen in der anderen Hand.
„Ich nehme an, irgendwer hat mal wieder nicht mit dir, sondern über dich gesprochen?“
„Fast. Diesmal war es der Betriebsrat. Er hat sich bei der Geschäftsführung beschwert – über meinen Mantel.“
Gustav schüttelte den Kopf. „Deinen Mantel?“
„Burberry, alt. Ich hab ihn vor fünf Jahren im Outlet gekauft. Aber angeblich… passt er nicht zur Bodenständigkeit des Unternehmens.“
Gustav schnalzte mit der Zunge. „Klassiker. Du bist zu still, du bist zu laut, du parkst im Smart statt im Audi, du trägst einen Designerfetzen – es ist völlig egal. Die Regeln ändern sich je nachdem, wer das Spiel spielt.“
„Ich habe gedacht, ich sei befördert worden, weil ich Ergebnisse liefere.“
„Und das tust du. Aber Anna, willkommen im Schachspiel des oberen Managements. Hier gewinnt nicht immer die beste Idee. Manchmal gewinnt der, der am längsten schweigt – oder der, der laut genug über deinen Mantel spricht, um seine Unsicherheit zu kaschieren.“
Anna ließ sich in ihren Stuhl fallen. „Ich hasse das Spiel.“
Gustav sprang auf ihren Schreibtisch, schnippte mit der Pfote gegen ihre Kaffeetasse. „Dann ändere die Spielregeln.“
„Und wie soll ich das bitte machen? Ich kann doch nicht bei jedem Meeting vorher ahnen, wer sich hinterrücks auf mein Projekt stürzt.“
„Nein, aber du kannst anfangen, dich wie eine Schachspielerin zu bewegen. Denk drei Züge voraus. Und hol dir Hausmacht.“
Anna runzelte die Stirn. „Hausmacht? Ich bin keine mittelalterliche Fürstin.“
„Im Grunde schon“, schnurrte Gustav. „Nur dass deine Vasallen keine Schwerter tragen, sondern Outlook-Termine vergeben. Wer spricht hinter deinem Rücken mit wem? Wer ist loyal? Wer spielt auf Zeit?“
„Du meinst, ich soll Allianzen schmieden.“
„Genau. Unterstütze die, die Einfluss haben. Mach ihre Projekte erfolgreich. Dann wirst du geschützt, wenn wieder jemand das Burberry-Schwert zückt.“
„Ich will aber nicht in einem ständigen Kleinkrieg leben, Gustav. Ich will einfach führen.“
„Dann tu das. Aber führ klug. Wie eine Politikerin. Weniger ‚Lasst uns das alle zusammen anpacken!‘ – mehr: ‚Was braucht ihr, damit ihr meine Entscheidung mittragt?‘“
Anna seufzte. „Ich hab immer gedacht, wenn man gut ist, wird das schon gesehen.“
Gustav sah sie ernst an. „In einer idealen Welt vielleicht. Aber in der Realität heißt Fleiß ohne Strategie oft nur: leichte Beute.“
Sie schwieg einen Moment. „Und wenn ich einfach zu viel preisgebe? Ich will doch kein Eisklotz sein.“
„Dann sei kontrollierte Wärme“, sagte Gustav. „Du kannst charmant sein, aber nicht vertraulich. Keine Geschichten über deinen Ex beim Kantinenkaffee. Keine Einschätzungen zu politischen Themen, die mehr verraten als dir lieb ist.“
„Also mehr Teflon, weniger Samt?“
„Nein – mehr Schachspielerin. Eine, die weiß, dass der erste Fehler oft nicht im Spielzug liegt, sondern darin, zu glauben, alle anderen spielen fair.“
Anna lehnte sich zurück, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. „Du hast also keine Hoffnung, dass sich das mal ändert?“
Gustav schüttelte sein flauschiges Fell. „Doch. Wenn mehr Frauen wie du nicht nur spielen, sondern auch die Regeln lernen und Stück für Stück neu schreiben. Dann vielleicht. Aber bis dahin: zieh den Mantel an. Und die Krone gleich dazu.“



