Die Stille Partie
Manche Gespräche brauchen keinen Ton, um laut zu wirken. Anna lernt mit Gustav, wie viel Führung in stillem Beistand steckt.
Disclaimer: Die heutige Ausgabe ist inspiriert von dem Buch “Schach der Dame“ von Wiebke Köhler. Viel Spaß mit der heutigen Ausgabe!
Anna starrte gedankenverloren aus dem Bürofenster. Unten fuhr gerade ihr Kollege Markus in seinem neuen Leasingwagen vor – ein SUV, doppelt so groß wie nötig, aber mit eingebauter Karriereansage.
„Du guckst, als wärst du auf dem Schachbrett Springer und Turm gleichzeitig begegnet“, bemerkte Gustav, der kleine Säbelzahntiger, der auf ihrer Fensterbank saß.
Anna schnaubte. „Ich frage mich nur, ob ich das Spiel hier eigentlich mitspiele. Oder bloß zuschaue.“
„Du meinst das Machtspiel?“, schnurrte Gustav, sprang vom Fensterbrett und landete geschmeidig auf Annas Schreibtisch. „Oder wie Wiebke Köhler es nennen würde: die Partie, bei der Männer sich gegenseitig die Krone vom Kopf hauen, während Frauen lernen müssen, nicht mit dem Rock im Getriebe hängen zu bleiben?“
Anna grinste schief. „Ich habe gestern in einer Vorstandssitzung ein Projekt vorgestellt, das seit Monaten läuft. Eine runde Sache, tolle Zahlen, starke Resonanz. Und dann... kam nichts.“
„Gar nichts? Kein Schulterklopfen, kein Applaus, keine geborgten Lorbeeren?“, fragte Gustav und stellte seine Ohren auf.
„Im Gegenteil. Einer der Kollegen meinte trocken, das Projekt sei ein bisschen… 'zu ambitioniert für unsere Unternehmenskultur'. Und dann kam der Seitenhieb: ‚Aber ihr Mantel ist wie immer geschmackvoll.‘“
Gustav fauchte leise. „Der gute alte Tarn-Kompliment-Konter. Schachmatt durch Äußerlichkeit. Willkommen im Managementzirkus.“
Anna seufzte. „Weißt du, ich dachte früher, Leistung reicht. Aber das hier ist ein anderes Spiel. Keins, das man mit Zahlen und Fleiß gewinnt.“
„Nein“, nickte Gustav. „Das hier ist eher wie eine Partie Poker in der Sauna – wenig sichtbar, aber hochstrategisch. Und du brauchst Hausmacht, Personalhoheit und einen inneren Notfallkoffer voller Gelassenheit.“
„Hausmacht?“, fragte Anna.
„Verbündete“, erklärte Gustav. „Menschen, die dich unterstützen, dich gut sprechen, und dir Rückendeckung geben, wenn’s mal wieder heißt: ‚Die ist wohl zu tough für den Ton hier.‘“
Anna dachte an ihre Projektleiterin Nele. Und an Thorsten aus der Buchhaltung. Zwei, die sich nie vor lauten Stimmen duckten. Vielleicht…
„Und was ist mit dem Rest?“, murmelte sie. „Ich will kein Teil dieses Spiels werden.“
„Du bist längst drin“, sagte Gustav sanft. „Aber du kannst entscheiden, wie du spielst. Du kannst führen wie eine Politikerin: strategisch, zurückhaltend, aber mit klaren Zielen. Und wenn jemand stichelt – atme durch. Es geht selten um dich. Meist nur um die Angst vorm eigenen Bedeutungsverlust.“
Anna lehnte sich zurück. „Gustav, sag mal ehrlich: Wer sind eigentlich die wahren Zicken in diesem Spiel?“
Der Säbelzahntiger grinste breit. „Das willst du jetzt nicht wirklich wissen.“
„Doch, ich will’s hören.“
„Die Herren der Schöpfung. Die, die mit Maßanzug, Machtgehabe und Misstrauen über das Spielfeld ziehen. Nicht alle. Aber viele. Und wenn du ihnen zu gefährlich wirst, suchen sie den Schwachpunkt in deinem Lebenslauf, deinem Outfit oder deinem Tonfall.“
Anna schüttelte den Kopf. „Wie geht man damit um?“
„Indem du nicht kämpfst wie sie“, sagte Gustav. „Sondern wie du. Du brauchst keine Ellbogen – du brauchst Klarheit, Taktik, ein gutes Gedächtnis und die Fähigkeit, Angriffe nicht zu deinem Problem zu machen. Und: Schreib alles auf. Mündliche Versprechen sind wie Schachzüge ohne Brett – verschwunden, sobald das Spiel weitergeht.“
Anna sah wieder zum Fenster. „Und wenn ich einfach keine Lust mehr auf das Spiel habe?“
„Dann erinner dich an deine Big Five“, sagte Gustav. „Warum du hier bist. Was du verändern willst. Und dass du nur gewinnst, wenn du dich selbst nicht verlierst.“
„Weißt du was?“, sagte Anna. „Ich bleibe. Aber ich spiele jetzt meine Regeln.“
Gustav streckte sich, gähnte und blinzelte sie an. „Das klingt wie der erste echte Zug in deinem Spiel.“



